Teil 2 - Das Jahr, in dem ich schwieg


Nach diesem Nachmittag war nichts mehr wie vorher.

Und gleichzeitig sah von außen alles genauso aus wie immer.

Ich ging zur Schule. Meine Eltern fragten mich nach meinen Noten. Mein Vater erzählte beim Abendessen von seiner Arbeit. Wenn Arthur uns begegnete, war er derselbe freundliche, hilfsbereite Mann, den meine Eltern seit Jahren kannten.

Nur ich kannte inzwischen eine andere Seite von ihm.

Ich wusste, wozu er fähig war.

Und er wusste, dass ich Angst vor ihm hatte.

Das war seine eigentliche Macht.

Arthur musste mich nicht jeden Tag bedrohen. Er hatte mir einmal sehr deutlich erklärt, was geschehen würde, wenn ich mich ihm widersetzte oder meinen Eltern erzählte, was er getan hatte.

Mein Vater würde seine Stellung verlieren.

Seine Karriere wäre vorbei.

Meine Eltern hatten Schulden wegen des Hauses.

Und in meinem achtzehnjährigen Kopf entstand daraus eine einfache, schreckliche Rechnung:

Wenn ich mich wehre, zerstöre ich meine Familie.

Heute weiß ich, wie perfide diese Rechnung war.

Damals glaubte ich sie.

Also schwieg ich.

Wenn Arthur mich zu sich bestellte, ging ich zu ihm.

Manchmal begann meine Angst schon Stunden vorher. Ich wusste, dass ich wieder in diese Wohnung gehen musste, in der früher Chemiebücher, Formeln und eine eisgekühlte Cola für mich etwas völlig Harmloses bedeutet hatten.

Nun ekelte ich mich vor diesem Ort.

Ich ekelte mich vor seiner Nähe.

Vor seinen Berührungen.

Und irgendwann sogar vor mir selbst, obwohl ich überhaupt nichts getan hatte, wofür ich mich hätte schämen müssen.

Das Schlimmste war die Hilflosigkeit.

Mein Nein hatte keine Bedeutung.

Mein Ekel hatte keine Bedeutung.

Was ich wollte, hatte keine Bedeutung.

Arthur bestimmte.

Und ich lernte, auszuhalten.

Am Anfang wehrte sich in mir noch alles dagegen. Ich hatte Angst, mir war übel, manchmal wollte ich einfach nur davonlaufen.

Aber wohin?

Zu meinen Eltern?

Dann hörte ich wieder Arthurs Stimme in meinem Kopf: dein Vater, seine Arbeit, das Haus, die Schulden.

Also blieb ich.

Mit der Zeit geschah etwas mit mir, das ich damals selbst kaum verstand.

Man kann nicht jeden Augenblick eines ganzen Jahres in Panik verbringen.

Irgendwann begann ich, innerlich Abstand zu schaffen.

Ich konnte nicht bestimmen, ob Arthur mich zu sich bestellte.

Ich konnte nicht bestimmen, was er von mir verlangte.

Aber ich begann zu entdecken, dass es einen kleinen Bereich gab, über den er nicht vollständig verfügte:

meine eigene Reaktion.

Ich konnte innerlich verschwinden und alles nur noch geschehen lassen.

Oder ich konnte beobachten.

Ich konnte wahrnehmen, was in ihm vorging.

Ich konnte erkennen, worauf er reagierte und wodurch sich sein Verhalten veränderte.

Das war zunächst keine Lust.

Es war auch keine Zustimmung.

Es war mein Versuch, in einer Situation völliger Fremdbestimmung irgendwo einen Rest von Kontrolle zu finden.

Und dieser kleine Unterschied wurde für mich immer wichtiger.

Arthur glaubte, er hätte mich vollkommen in seiner Hand.

Vielleicht glaubte ich das lange Zeit ebenfalls.

Aber ganz tief in mir entstand langsam etwas, das ihm nicht gehörte.

Ein eigener Wille.

Noch war er schwach.

Noch wagte ich nicht, ihm zu folgen.

Aber er war da.

Nach außen bemerkte niemand etwas.

Mein Vater machte beruflich Fortschritte und war seinem Chef vermutlich dankbar. Meine Eltern waren stolz auf meine besseren schulischen Leistungen.

Und ich spielte meine Rolle.

Ich ging zur Schule.

Ich kam nach Hause.

Ich antwortete auf Fragen.

Ich lächelte, wenn es nötig war.

Und ich schwieg.

Fast ein Jahr lang.

Als dieses Jahr schließlich hinter mir lag, war ich nicht mehr dieselbe junge Frau, die an jenem Sommertag mit ihrem Chemiebuch zu Arthur gegangen war.

Er hatte mir etwas genommen, das ich nicht zurückholen konnte.

Aber etwas anderes hatte er nicht geschafft:

Er hatte meinen eigenen Willen nicht vernichtet.

Im Gegenteil.

Ausgerechnet in diesem Jahr begann in mir etwas zu wachsen, das später einen großen Teil meines Lebens bestimmen sollte: das Bedürfnis, selbst zu entscheiden.

Ich wollte entscheiden, wen ich an mich heranließ.

Ich wollte entscheiden, wer mich berühren durfte.

Ich wollte entscheiden, wie weit ich ging.

Und ich wollte das Recht zurückhaben, Ja zu sagen – gerade weil Arthur meinem Nein jede Bedeutung genommen hatte.

Vielleicht erklärt das manches von dem, was später geschah.

Nicht alles.

Ich möchte Arthur nicht nachträglich die Macht geben, jede meiner späteren Entscheidungen zu erklären. Was ich später wollte, was mir gefiel und woran ich Lust empfand, gehörte mir.

Aber dieses Jahr hatte mich verändert.

Ich hatte erlebt, was es bedeutete, wenn ein anderer Mensch über meinen Körper bestimmte.

Nun wollte ich das Gegenteil kennenlernen.

Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, wenn ich entscheide.

Damals wusste ich noch nicht, wohin mich dieses Bedürfnis führen würde.

Ich wusste nichts von der Bar.

Nichts von Peter.

Nichts von den Männern, die später bereit sein würden, für meine Aufmerksamkeit zu bezahlen.

Und nichts von Antoine.

Ich wusste nur:

Ich wollte nie wieder das Mädchen sein, das aus Angst schweigt und glaubt, keine Wahl zu haben.

Ich wollte herausfinden, wer ich sein konnte, wenn die Entscheidung endlich bei mir lag.

Schon bald bekam ich Gelegenheit dazu.


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