Teil 3 - Zum ersten Mal war es meine Entscheidung
Einige Zeit später war ich mit einer Freundin in der Disco.
Es war ein ganz gewöhnlicher Abend. Wir hatten getanzt, gelacht und wahrscheinlich etwas mehr getrunken, als wir ursprünglich vorgehabt hatten.
Auf dem Heimweg sah sie mich plötzlich an.
„Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?“
Ich musste lachen.
„Natürlich.“
„Dann komm mit.“
Statt nach Hause zu gehen, führte sie mich in eine Bar, die ich nicht kannte.
Schon beim Betreten merkte ich, dass sie hier offenbar häufiger war. Sie bewegte sich mit einer Selbstverständlichkeit durch den Raum, die mir verriet, dass dies für sie kein zufälliger Zwischenstopp war.
Ganz hinten saßen mehrere ältere Männer an einem runden Tisch.
Meine Freundin setzte sich einfach zu ihnen.
Ich blieb zunächst etwas unsicher daneben stehen.
Dann begann sie demonstrativ an ihrem Daumen zu lutschen.
Ich sah sie irritiert an.
Was sollte das denn?
Einer der Männer verstand ihre Botschaft offenbar sofort. Er grinste, zog dreißig Mark aus der Tasche und legte das Geld vor sie auf den Tisch.
Sie nahm die Scheine, stand auf und ging mit ihm in Richtung Toilette.
Bevor sie verschwand, drehte sie sich noch einmal zu mir um und bedeutete mir, mitzukommen.
Dort begriff ich, welches Geheimnis sie mir zeigen wollte.
Sie kniete sich vor den Mann, öffnete seine Hose und nahm sein Glied heraus. Dann nahm sie es in den Mund und begann kräftig daran zu saugen und zu lutschen.
Der Mann schloss die Augen und stöhnte. Als er schließlich in ihrem Mund kam, stand sie auf, ging zum Waschbecken und spülte sich den Mund aus.
Ich hatte ihr schweigend zugesehen.
Natürlich war ich überrascht.
Aber seltsamerweise war ich nicht schockiert.
Vielleicht hatte das vergangene Jahr dafür gesorgt, dass mich beim Thema Sexualität nur noch wenig erschüttern konnte. Vielleicht war es aber auch einfach meine Neugier.
Meine Freundin sah mich an.
„Willst du auch einmal?“
Dieser eine Satz bedeutete für mich mehr, als sie wissen konnte.
Sie fragte mich.
Niemand befahl mir etwas.
Niemand drohte mir.
Niemand erklärte mir, welche schrecklichen Folgen ein Nein haben würde.
Ich konnte gehen.
Ich konnte bleiben.
Ich konnte Nein sagen.
Oder Ja.
Die Entscheidung lag bei mir.
Ich sah meine Freundin an.
„Warum nicht?“
Kurz darauf kam ein anderer Mann herein. Meine Freundin deutete auf mich, und er drückte mir dreißig Mark in die Hand.
Diesmal war ich an der Reihe.
Ich öffnete seine Hose und holte sein Glied vollständig heraus. Zunächst streichelte ich seine Hoden, dann ließ ich meine Zunge langsam am Schaft entlang nach oben gleiten und spielte ein wenig mit seiner Eichel. Schließlich nahm ich sein Glied ganz in den Mund und begann zu lutschen und zu saugen, zunächst ruhig, dann mit zunehmender Intensität.
Ich bemerkte, wie stark er darauf reagierte.
Als er schließlich in meinem Mund kam, schluckte ich.
Anders als meine Freundin ging ich danach nicht zum Waschbecken.
Irgendwie war die Routine dieses einen Jahres plötzlich wieder da.
Und doch war diesmal alles vollkommen anders.
Ich musste nichts.
Diese drei Worte fühlten sich beinahe ungewohnt an.
Ich musste nichts.
Niemand zwang mich.
Niemand drohte mir.
Niemand bestimmte über meinen Körper.
Ich hätte jederzeit aufhören können.
Aber ich wollte nicht aufhören.
Zum ersten Mal nutzte ich das, was ich in diesem schrecklichen Jahr gelernt hatte, nicht weil ich musste, sondern weil ich es selbst wollte.
Ich spielte nach meinen eigenen Regeln.
Vielleicht war genau das der Grund, weshalb ich so selbstverständlich die Initiative übernommen hatte. Ich wusste bereits, wie Männer reagierten. Ich hatte gelernt zu beobachten, was ihnen gefiel.
Nur hatte dieses Wissen jetzt eine vollkommen andere Bedeutung.
Bei Arthur war es eine Überlebensstrategie gewesen.
Hier war es meine Entscheidung.
Als wir wieder an den Tisch zurückkehrten, gab mir der Mann zusätzliches Geld.
Meine Freundin sah mich verblüfft an.
„Du bist ja ein Profi.“
Ich musste lachen.
Wenn sie gewusst hätte, woher diese vermeintliche Routine kam.
Weitere Männer folgten.
Mit jedem von ihnen wurde ich sicherer. Ich beobachtete ihre Reaktionen, probierte aus und begann zu begreifen, dass ich die Situation selbst gestalten konnte. Einer gab mir sechzig Mark, ein anderer schließlich hundert.
Meine Freundin betrachtete mich irgendwann mit einer Mischung aus Überraschung und Unglauben.
Doch das Geld war an diesem Abend gar nicht das Wichtigste.
Etwas anderes hatte sich verändert.
Zum ersten Mal seit Arthur erlebte ich Sexualität unter völlig anderen Vorzeichen.
Ein Mann konnte etwas von mir wollen, ohne deshalb ein Recht auf meinen Körper zu besitzen.
Ich konnte Ja sagen.
Ich konnte Nein sagen.
Und selbst wenn ich Ja sagte, blieb die Entscheidung bei mir.
Auf dem Heimweg hatte ich Geld in der Tasche, mit dem ich einige Stunden zuvor nicht gerechnet hatte.
Aber ich nahm etwas anderes mit, das für mich sehr viel wertvoller war.
Arthur hatte mir ein Jahr lang beigebracht, dass mein Nein nichts wert war.
An diesem Abend entdeckte ich etwas Neues:
Auch mein Ja gehörte mir.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich mein Körper wieder ein wenig mehr wie meiner an.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen